Von Uwe Nettelbeck

Wenn das ihr Junge wäre, würde sie ihn totschlagen-, sagte eine Frau und wies erregt auf einen langhaarigen Knaben. Und um sie herum hob sich des Volkes Stimme: Dem müsse man die Hammelbeine langziehen, dem würden ein paar Jahre beim Militär guttun, warum denn die Polizei da nicht einschreite, es sei ja unerhört, was man sich bieten lassen müsse.

Dies trug sich zu nicht irgendwo, sondern in Deutschlands Mitte, in Berlin, vor der Gedächtniskirche und vor einer nahen Fernsehkamera, und auch nicht irgendwann, sondern vor etwa zwei Monaten. Die so sprachen, waren Leute von nebenan, biedere Hausfrauen und ehrbare Krämer, waren zufällig des Weges gekommen, aus dem Büro oder aus dem Kaufhaus oder aus dem Café, hatten vielleicht gerade die Mauer besichtigt oder das Europa-Center. Und sie sprachen so, obwohl ihnen niemand etwas getan hatte und niemand etwas von ihnen wissen wollte. Sie regten sich auf über ein paar Knaben, weil die Knaben in der Nähe ihres Weges saßen, da auf den Stufen vor der nicht ohne einen gewissen Grund Versehrten Gedächtniskirche, und weil die Knaben lange Haare hatten. Sie sprachen von Totschlagen, weil da welche anders waren als sie.