Ethnozid
Ethnozid (auch kultureller Genozid, kultureller Völkermord, englisch cultural genocide, oder Entnationalisierung[1]) bezeichnet die gezielte oder strukturelle Zerstörung der kulturellen, sprachlichen, religiösen oder sozialen Eigenständigkeit einer ethnischen Gruppe, ohne jedoch ihre Angehörigen zu töten, wie es beim Völkermord (Demozid oder Genozid) der Fall wäre.[2][3][4][5] Der Begriff darf nicht mit dem des Genozids gleichgesetzt werden; Ethnozid ist jedoch völkerrechtlich nicht in gleicher Weise kodifiziert wie der Genozid.
Die Erklärung von San José über Ethnozid und Ethnoentwicklung der UNESCO definierte Ethnozid 1981 als Verweigerung des Rechts einer ethnischen Gruppe, ihre eigene Kultur und Sprache zu genießen, zu entwickeln und weiterzugeben; sie setzte Ethnozid dabei mit „cultural genocide“ gleich, allerdings war diese Erklärung nicht bindendes Völkerrecht.[6] Auch neuere Forschung beschreibt Ethnozid als Begriff im Schatten der Genozid-Debatte, der gerade die Zerstörung kultureller oder ethnischer Eigenständigkeit bezeichnet, ohne automatisch mit physischer Vernichtung identisch zu sein.[7] Dies wird erreicht, indem die jeweilige Sprache, Kultur, Religion, Wirtschaftsweise und Herrschaftsform der entsprechenden Ethnie verboten und/oder zerstört wird.[8] Anstelle der alten wird den Betroffenen eine neue kulturelle Identität unter Drohungen und Repressionen auferlegt (oktroyiert).
Grund solcher Bestrebungen ist zumeist ein durch Rassismus gespeistes Überlegenheitsgefühl dominanter Gesellschaften gegenüber andersstämmigen Minderheiten. Ziel ist die beschleunigte Eingliederung der Minderheitsgesellschaft in die Mehrheitsgesellschaft durch Abschaffung der kulturellen Eigenarten.[8][9]
Abgrenzungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Ethnozid wird häufig mit Begriffen wie kultureller Genozid, Zwangsassimilation, Linguizid und Marginalisierung überschneidend verwendet. Die Begriffe sind jedoch nicht deckungsgleich. Kultureller Genozid betont die Nähe zur Genozid-Debatte; Zwangsassimilation bezeichnet vor allem Maßnahmen oder Prozesse der erzwungenen Anpassung an eine dominante Mehrheitskultur; Linguizid bezieht sich insbesondere auf die Verdrängung oder Zerstörung einer Sprache. Ethnozid kann solche Prozesse umfassen, bezeichnet aber allgemeiner die Zerstörung der kulturellen und sozialen Eigenständigkeit einer ethnischen Gruppe.
Von der Zwangsassimilation unterscheidet sich Ethnozid dadurch, dass diese vor allem die erzwungene Anpassung an eine dominante Kultur beschreibt, während Ethnozid auf die Zerstörung der eigenständigen Gruppenidentität und ihrer kulturellen Weitergabe zielt. Zwangsassimilation kann daher ein Mittel oder eine Erscheinungsform von Ethnozid sein, ist aber nicht mit diesem gleichzusetzen.
Im Unterschied zum Ethnozid beschreibt Transkulturation den kulturellen Einfluss einer Kultur auf eine andere, ohne dass damit notwendig eine gezielte Zerstörung verbunden ist. Akkulturation bezeichnet allgemein die Übernahme kultureller Elemente durch Einzelpersonen oder Gruppen im Kontakt mit anderen Kulturen. Marginalisierung ist ein sozialer Vorgang, bei dem Bevölkerungsgruppen kulturell, rechtlich, politisch oder wirtschaftlich an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden.
Wenn traditionelle oder kulturelle Rituale gegen die universellen Menschenrechte verstoßen, kann bei einem staatlichen Verbot solcher Praktiken nicht ohne Weiteres von Ethnozid oder Assimilationspolitik gesprochen werden.
Begriffskritik
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Begriff Ethnozid wird in der Fachliteratur auch kritisch diskutiert. Bemängelt wird unter anderem seine begriffliche Unschärfe, da er nicht immer klar zwischen erzwungenem Kulturwandel, struktureller Unterdrückung und selbstbestimmter kultureller Veränderung unterscheidet.[10] Kritisiert wird außerdem, dass der Begriff teilweise dichotome Vorstellungen von passiven Opfergruppen und aktiven Tätergesellschaften reproduziere und damit ältere koloniale Denkmuster fortschreiben könne.[11]
Zudem wird die Nähe zu Begriffen wie kultureller Genozid, ethnische Säuberung und Zwangsassimilation unterschiedlich bewertet. Janne Mende Heiskanen beschreibt Ethnozid als einen Begriff „im Schatten des Genozids“, der zwar die Zerstörung kultureller Eigenständigkeit erfassen soll, jedoch im internationalen Recht weniger eindeutig verankert ist als der Genozidbegriff.[12]
Formen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Als Formen oder Mittel von Ethnozid werden in der Literatur unter anderem genannt:
- das Verbot oder die systematische Behinderung des Gebrauchs einer Minderheiten- oder indigenen Sprache;
- die Zerstörung oder Unterdrückung religiöser und zeremonieller Praktiken;
- die Auflösung traditioneller sozialer, politischer oder wirtschaftlicher Ordnungen;
- die zwangsweise Trennung von Kindern von ihren Familien und Gemeinschaften;
- die Internierung in Schulen, Missionsstationen oder anderen Einrichtungen mit dem Ziel kultureller Entfremdung;
- die Umbenennung von Personen, Orten oder Gruppenbezeichnungen;
- die gezielte Ansiedlung fremder Bevölkerungsgruppen oder die erzwungene Umsiedlung der betroffenen Gruppe;
- die staatliche oder missionarische Durchsetzung einer neuen kulturellen Identität.
Die gewaltsame Überführung von Kindern einer nationalen, ethnischen, rassischen oder religiösen Gruppe in eine andere Gruppe ist nach der Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes eines der möglichen Tatbestandsmerkmale von Völkermord. In der Ethnozid-Debatte wird sie zugleich als ein Mittel kultureller Zerstörung behandelt.
Beispiele
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In der Fachliteratur und in Menschenrechtsdebatten wurden unter anderem folgende Fälle ausdrücklich als Ethnozid oder ethnocide bezeichnet:
- Die Internats- und Boarding-School-Politik gegenüber indigenen Kindern in den Vereinigten Staaten wurde von Donald A. Grinde als ethnocide through education beschrieben.[13]
- Die kanadischen Residential Schools wurden in der Forschung im Zusammenhang mit kulturellem Genozid und Ethnozid diskutiert; David B. MacDonald und Graham Hudson behandeln die Frage, ob die kanadische Politik gegenüber indigenen Kindern als Genozid, kultureller Genozid oder Ethnozid zu fassen sei.[14]
- Im Zusammenhang mit den Yanomami im Amazonasgebiet untersuchte Jeffrey Rifkin die Rolle ethnographischer Forschung unter dem Titel Ethnography and ethnocide.[15] Jacques Lizot veröffentlichte bereits 1976 eine Studie unter dem Titel The Yanomami in the Face of Ethnocide.[16]
- Die Assimilationspolitik gegenüber den Ainu in Japan wurde in neuerer Literatur als Ethnozid bezeichnet, insbesondere im Zusammenhang mit der staatlichen Unterdrückung von Sprache, kultureller Praxis und politischer Eigenständigkeit.[17]
- Die staatliche Assimilationspolitik gegenüber den Samen, insbesondere die Norwegisierungspolitik, wurde in der Forschung im Zusammenhang mit kulturellem Genozid und Ethnozid diskutiert.[18]
- Sprach- und Assimilationspolitiken gegenüber Kurden in der Türkei und in Syrien wurden in der Forschung als Ethnozid und Linguizid beschrieben.[19]
Weitere Fälle werden in der Literatur teilweise ebenfalls unter dem Begriff Ethnozid behandelt, sind jedoch begrifflich umstritten oder eng mit Genozid-, Vertreibungs- und Menschenrechtsdebatten verbunden. Dazu gehören etwa die Politik gegenüber indigenen Gruppen im guatemaltekischen Hochland während und nach dem Bürgerkrieg[20] sowie Konflikte um große Infrastrukturprojekte in indigenen Gebieten, etwa im Zusammenhang mit dem Belo-Monte-Staudamm in Brasilien.[21]
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Robert Jaulin: La paix blanche. Introduction à l’ethnocide. Éditions du Seuil, Paris 1970.
- Pierre Clastres: Archeology of Violence. Semiotext(e), New York 1994, ISBN 0-936756-95-0.
- Peter Bolz: Stichwort Ethnozid. In: Walter Hirschberg (Begründer), Wolfgang Müller (Redaktion): Wörterbuch der Völkerkunde. Neuausgabe, 2. Auflage, Reimer, Berlin 2005, S. 112.
- Laura Balke: „Kultureller Genozid“ als potentieller Straftatbestand – eine Analyse im Lichte der neueren Völkerrechtspraxis. Beiträge des UNESCO-Lehrstuhls für Internationale Beziehungen Dresden, Heft 13, Dresden 2018.
- Jasmina Zagorac: Le génocide culturel – un crime oublié du droit international? Dissertation, Université de Lausanne, Lausanne 2022.
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Entnationalisierung. In: Wiktionary. 15. September 2023 (wiktionary.org [abgerufen am 15. September 2023]).
- ↑ Duden | Ethnozid | Rechtschreibung, Bedeutung, Definition, Herkunft. Abgerufen am 14. September 2023.
- ↑ entnationalisieren. In: Wiktionary. 14. September 2023 (wiktionary.org [abgerufen am 14. September 2023]).
- ↑ „Machen Sie mir dieses Land wieder deutsch“. Nationalsozialistische Germanisierungspolitik und ihre Folgen. Das Beispiel Slowenien | H-Soz-Kult. Kommunikation und Fachinformation für die Geschichtswissenschaften | Geschichte im Netz | History in the web. 14. September 2023, abgerufen am 14. September 2023.
- ↑ Dietmar Brenner: Slowenien 1941 – 1945. Soll dieser Abschnitt der Geschichte neu geschrieben werden? Kapitel: Die Entnationalisierung (Diplomarbeit). Hrsg.: Universität Wien. Wien 2008, S. 19 bis 23 (univie.ac.at [abgerufen am 14. September 2023]).
- ↑ UNESCO and the struggle against ethnocide: declaration of San José. UNESCO, 1981, abgerufen am 3. Juli 2026 (englisch).
- ↑ Janne Mende Heiskanen: In the Shadow of Genocide: Ethnocide, Ethnic Cleansing, and International Order. In: International Studies Quarterly. Band 1, Nr. 4, 2021, doi:10.1093/isagsq/ksab030.
- 1 2 Peter Bolz: Stichwort: Ethnozid in Walter Hirschberg (Begründer), Wolfgang Müller (Redaktion): Wörterbuch der Völkerkunde. Neuausgabe, 2. Auflage, Reimer, Berlin 2005. S. 112.
- ↑ Gunnar Heinsohn: Lexikon der Völkermorde. Rowohlt, Reinbek 1999, S. 128
- ↑ Lucy Mair: Ethnocide. In: RAIN. Nr. 7, 1975, S. 4–5.
- ↑ Lukunka Barbra: Ethnocide. In: Mass Violence & Résistance – Research Network. Sciences Po, 3. November 2007, abgerufen am 3. Juli 2026 (französisch).
- ↑ Janne Mende Heiskanen: In the Shadow of Genocide: Ethnocide, Ethnic Cleansing, and International Order. In: International Studies Quarterly. Band 1, Nr. 4, 2021, doi:10.1093/isagsq/ksab030.
- ↑ Donald A. Grinde Jr.: Taking the Indian out of the Indian: U.S. Policies of Ethnocide Through Education. In: Wicazo Sa Review. Band 19, Nr. 2, 2004, S. 25–32, doi:10.1353/wic.2004.0018.
- ↑ David B. MacDonald, Graham Hudson: The Genocide Question and Indian Residential Schools in Canada. In: Canadian Journal of Political Science. Band 45, Nr. 2, 2012, S. 427–449, doi:10.1017/S000842391200039X.
- ↑ Jeffrey Rifkin: Ethnography and ethnocide: A case study of the Yanomami. In: Dialectical Anthropology. Band 19, 1994, S. 295–327, doi:10.1007/BF01301459.
- ↑ Jacques Lizot: The Yanomami in the Face of Ethnocide. International Work Group for Indigenous Affairs, Kopenhagen 1976.
- ↑ Edgar Bellow, Thomas Majd, Cecilia Casalegno: Creative and Sustainable Tourism: The Case of Ainu in Japan. In: Symphonya. Emerging Issues in Management. Nr. 2, 2019, S. 119–132, doi:10.4468/2019.2.11bellow.majd.casalegno.
- ↑ Bente Skogvang, Patricia Massao: The Potential of Sámi/Indigenous Festivals to Inform and Educate About the Ongoing Coloniality of Sápmi. In: Nordisk tidsskrift for pedagogikk og kritikk. Band 10, 2024, S. 168–184, doi:10.23865/ntpk.v10.5886.
- ↑ Mari Toivanen: Language and negotiation of identities among young Kurds in Finland. In: Nordic Journal of Migration Research. Band 3, Nr. 1, 2013, S. 27–35, doi:10.2478/v10202-012-0010-z.
- ↑ Anika Oettler: Guatemala in the 1980s: A Genocide Turned into Ethnocide? GIGA Working Paper Nr. 19, German Institute of Global and Area Studies, Hamburg 2006.
- ↑ Brazilian Public Prosecutors Denounce Ethnocide and Call for Judicial Intervention in Belo Monte. Amazon Watch, 14. Dezember 2015, abgerufen am 3. Juli 2026 (englisch).