Railcoop
| Railcoop | |
|---|---|
| Rechtsform | Société coopérative d'intérêt collectif (SCIC) |
| Gründung | 2019 |
| Sitz | Figeac, |
| Umsatz | 119.879 € (2022) |
| Stand: 24. August 2026 | |
Railcoop war die einzige französische Eisenbahngenossenschaft, die von 2019 bis 2024 bestand und ihren Sitz zuletzt in Figeac im Département Lot hatte. Sie entstand im Zuge der schrittweisen Liberalisierung des französischen Eisenbahnverkehrs und verfolgte das Ziel, den Schienenverkehr insbesondere auf bislang vernachlässigten Relationen wieder zu stärken. Anders als klassische private Eisenbahnunternehmen war Railcoop als eine genossenschaftliche Handelsgesellschaft (Société coopérative d’intérêt collectif, SCIC) organisiert. An ihr beteiligten sich Privatpersonen, Kommunen, Unternehmen und weitere Institutionen. Die Genossenschaft verstand sich nicht nur als Verkehrsunternehmen, sondern auch als Akteur der ökologischen Transformation und der regionalen Entwicklung.
Geschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Ursprünge des Projekts reichen bis April 2019 zurück. Zu diesem Zeitpunkt wurde der Verein (Association de préfiguration) gegründet, der die technischen, wirtschaftlichen und rechtlichen Voraussetzungen für einen neuen Eisenbahnverkehrsbetreiber untersuchen sollte.[1] Zu den Initiatoren gehörten Eisenbahner, Vertreter der Sozialwirtschaft, Umweltengagierte sowie Befürworter des Erhalts regionaler Bahnstrecken. Bereits im November 2019 wurde aus diesem Vorhaben eine Genossenschaft mit variablem Kapital gegründet. Das Modell beruhte auf einer breiten Beteiligung der Bevölkerung sowie öffentlicher Einrichtungen, die durch den Erwerb von Genossenschaftsanteilen Kapital bereitstellten und zugleich Mitspracherechte erhielten. Dieses Konzept unterschied Railcoop deutlich von klassischen privatwirtschaftlichen Eisenbahnunternehmen.[2][3]
Die Gründung fiel in eine Phase grundlegender Veränderungen des französischen Eisenbahnmarktes. Über Jahrzehnte war der Personenverkehr nahezu ausschließlich von der staatlichen SNCF betrieben worden. Mit der Umsetzung europäischer Vorgaben wurde der Markt jedoch schrittweise für konkurrierende Anbieter geöffnet. Seit Dezember 2020 konnten auch andere Unternehmen eigenwirtschaftliche Fernverkehrsleistungen anbieten, sofern sie die erforderlichen Genehmigungen erhielten und von SNCF Réseau entsprechende Trassen zugeteilt bekamen. Railcoop gehörte zu den ersten französischen Initiativen, die diese neuen Möglichkeiten aktiv nutzen wollten. Das Unternehmen verstand sich dabei nicht als Konkurrenz zum Hochgeschwindigkeitsverkehr, sondern wollte vor allem Verbindungen zwischen Mittelstädten wiederbeleben, die in den vergangenen Jahren eingestellt worden waren oder nur noch unzureichend bedient wurden.[4]
Zur Finanzierung setzte Railcoop vor allem auf Bürgerbeteiligung. Sie war Teil des Kollektivs „Les Licoornes“, das sich aus neun Genossenschaften zusammensetzte, die solidarische Dienstleistungen und Alltagsprodukte im Sinne eines bürgernahen und ökologischen Wandels entwickeln: dem Anbieter von Strom aus erneuerbaren Energien Enercoop, dem Mitfahrdienst Mobicoop, dem Netzwerk von Carsharing-Anbietern Citiz, dem Telekommunikationsanbieter Telecoop, der Genossenschaft für solidarische Finanzen La Nef sowie den Labeln Emmaüs, Commown und Coopcircuits.[5] Im Frühjahr 2020 begann eine öffentliche Kapitalkampagne, die trotz der gleichzeitig einsetzenden COVID-19-Pandemie auf großes Interesse stieß. Bereits Anfang 2021 war das für die Beantragung einer Eisenbahnlizenz erforderliche Mindestkapital erreicht. Gleichzeitig wuchs die Zahl der Genossenschaftsmitglieder auf mehrere Tausend an. Neben Privatpersonen beteiligten sich zahlreiche Gemeinden, Départements und Regionen. Besonders die Region Grand Est unterstützte das Vorhaben mit einer erheblichen Kapitaleinlage. Die breite Eigentümerstruktur galt als eines der charakteristischen Merkmale der Genossenschaft und wurde als Ausdruck eines gemeinschaftlich getragenen Infrastrukturprojekts verstanden.[6]
Im Jahr 2021 erreichte Railcoop mehrere wichtige Meilensteine. Nach Erteilung der Eisenbahnverkehrslizenz im September und des Sicherheitszertifikats im November erfüllte die Genossenschaft die regulatorischen Voraussetzungen für den eigenständigen Betrieb von Eisenbahnverkehr. Parallel dazu begann der Aufbau einer eigenen Organisation mit neuen Standorten und zusätzlichem Personal. Zugleich liefen die Vorbereitungen für den Güterverkehr[7] sowie für die geplanten Personenverkehrsangebote, insbesondere für die Wiederaufnahme einer Direktverbindung zwischen Bordeaux und Lyon. Die Erwartungen an das Projekt waren entsprechend hoch, da es als Symbol für neue Organisationsformen im französischen Eisenbahnwesen galt und sowohl von Eisenbahnverbänden als auch von zahlreichen regionalen Gebietskörperschaften aufmerksam begleitet wurde.[8]
Organisation und Geschäftsmodell
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Railcoop war als Société coopérative d’intérêt collectif (SCIC) in der Rechtsform einer Aktiengesellschaft mit variablem Kapital organisiert. Das genossenschaftliche Modell sollte eine Beteiligung verschiedener gesellschaftlicher Gruppen an dem Unternehmen ermöglichen. Die Mitglieder waren fünf Kollegien zugeordnet: Privatpersonen, Gebietskörperschaften und Institutionen, juristischen Personen, Beschäftigten sowie technischen und finanziellen Partnern. Die Mitglieder konnten sich über verschiedene thematische und regionale Arbeitskreise an der Entwicklung des Projekts beteiligen.
Zu den Anteilseignern gehörten neben Privatpersonen auch zahlreiche Gebietskörperschaften. Als erste Institution trat das Syndicat mixte du Livradois-Forez der Genossenschaft bei. Es folgten unter anderem die Départements Creuse und Allier sowie die Region Grand Est, die sich mit 300.000 Euro am Kapital beteiligte. Im Juli 2022 hatte Railcoop mehr als 12.000 Mitglieder. Im April 2024 waren es rund 14.000. Diese hatten insgesamt etwa 10 Millionen Euro an Eigenmitteln bereitgestellt, davon 7 Millionen Euro in Form von Genossenschaftsanteilen und 3 Millionen Euro über partizipative Wertpapiere. Rund 13 Prozent dieser Mittel stammten von Gebietskörperschaften.[9]
Das Genossenschaftsmodell war damit ein wesentlicher Bestandteil des Unternehmenskonzepts. Railcoop wollte die Entwicklung neuer Eisenbahnverbindungen nicht allein durch private Investoren oder öffentliche Zuschüsse finanzieren, sondern durch eine breite Beteiligung von Bürgern, Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen. Die starke Abhängigkeit von der Kapitalbeschaffung erwies sich jedoch zugleich als eine der wesentlichen wirtschaftlichen Herausforderungen des Unternehmens.[9]
Die letzten Monate
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im Herbst 2023 versuchte Railcoop, die drohende Zahlungsunfähigkeit durch eine Kombination aus zusätzlicher Kapitalbeschaffung, Kostensenkungen und der Suche nach einem externen Finanzierungspartner abzuwenden. Bei einer außerordentlichen Generalversammlung am 7. Oktober 2023 stimmten 88,5 Prozent der anwesenden Mitglieder für eine Fortführung der Geschäftstätigkeit. 85,5 Prozent befürworteten außerdem die Fortsetzung der Verhandlungen mit dem spanischen Investmentunternehmen Serena Industrial Partners über eine mögliche Finanzierung des Projekts Bordeaux–Lyon. Die benötigten Mittel konnten jedoch nicht rechtzeitig beschafft werden.
Am 16. Oktober 2023 wurde Railcoop vom Handelsgericht Cahors in ein gerichtliches Sanierungsverfahren (redressement judiciaire) überführt. Zu diesem Zeitpunkt fehlten der Genossenschaft erhebliche Mittel zur Sicherung des laufenden Betriebs. Anfang 2024 wurden die Geschäftsräume und die Zahl der Beschäftigten deutlich reduziert. Gleichzeitig versuchte Railcoop weiterhin, durch zusätzliche Bürgerbeteiligungen und die Aufnahme neuer Investoren eine Fortführung des Unternehmens zu ermöglichen.
Im Februar und März 2024 unterstützte der Verein „Les Amis de Railcoop“ das Vorhaben mit einer öffentlichkeitswirksamen Aktion. Zwischen dem 17. Februar und dem 2. März verband eine mehrtägige Reise zu Fuß und mit dem Fahrrad die zwölf vorgesehenen Städte der geplanten Verbindung Bordeaux–Lyon. Die Aktion sollte auf die Schwierigkeiten des Projekts aufmerksam machen und zusätzliche Unterstützung mobilisieren. Gleichzeitig musste Railcoop seine beiden noch verfügbaren Triebwageneinheiten zum Verkauf anbieten, um kurzfristig Liquidität zu gewinnen.[10]
Ein weiterer Rückschlag folgte im März 2024, als das Handelsgericht Clermont-Ferrand Railcoop in einem Rechtsstreit mit dem Unternehmen Ateliers de Construction du Centre Maintenance (ACC-M) unterlag. ACC-M war von Railcoop mit der technischen Prüfung und Renovierung gebrauchter SNCF-Züge beauftragt. Da vorgesehene Arbeiten wegen Zahlungsschwierigkeiten von ACC-M nicht fortgeführt wurden, berechneten diese enorme Kosten für die Abstellung der beiden Triebwagen (X 72500) und Lagerkosten für noch nicht verbautes Material von insgesamt 880.000 Euro, die den Wert der beiden Züge um ein Vielfaches überstieg.[11] Die finanzielle Situation der Genossenschaft verschlechterte sich dadurch weiter. Am 29. April 2024 eröffnete das Handelsgericht Cahors schließlich die Liquidation von Railcoop. Damit endeten die Bemühungen, den geplanten Personenverkehr aufzunehmen. Kein Personenzug der Genossenschaft war zuvor im regulären Fahrgastbetrieb eingesetzt worden.[10][12]
Die Leitung von Railcoop wechselte während des Bestehens der Genossenschaft mehrfach. Im Juli 2023 übernahm der bisherige Generaldirektor Nicolas Debaisieux zusätzlich den Vorsitz und leitete das Unternehmen bis zu dessen Liquidation im April 2024. In dieser Funktion vertrat er Railcoop auch während der letzten Finanzierungs- und Sanierungsversuche.[13]
Verkehrsangebot, Projekte und wirtschaftliche Entwicklung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Mit der Aufnahme des operativen Betriebs verfolgte Railcoop zwei unterschiedliche Geschäftsfelder. Kurzfristig sollte der Güterverkehr Einnahmen generieren und praktische Erfahrungen im Eisenbahnbetrieb ermöglichen, während langfristig der Aufbau eines eigenwirtschaftlichen Personenfernverkehrs im Mittelpunkt stand. Beide Bereiche waren eng miteinander verknüpft und sollten die Grundlage für ein nachhaltiges Geschäftsmodell bilden. Die Genossenschaft verstand sich dabei nicht als Konkurrenz zum französischen Hochgeschwindigkeitsnetz, sondern als Ergänzung des bestehenden Angebots. Ihr Ziel war es, Regionen miteinander zu verbinden, die zwar über eine Eisenbahninfrastruktur verfügten, deren Direktverbindungen jedoch im Laufe der Jahre eingestellt worden waren.[14]
Den ersten praktischen Schritt stellte der Güterverkehr dar. Nach Erhalt der notwendigen Genehmigungen[15] nahm Railcoop im November 2021 regelmäßige Güterzüge zwischen Viviez–Decazeville an der Bahnstrecke Capdenac–Rodez und dem Rangierbahnhof Saint-Jory an der Bahnstrecke Bordeaux–Sète bei Toulouse in Betrieb. Transportiert wurden vor allem landwirtschaftliche und industrielle Güter.[16] Die Leistungen wurden zunächst an mehreren Tagen pro Woche erbracht und später auf einen nahezu täglichen Betrieb ausgeweitet. Lokomotiven und Güterwagen waren angemietet, wodurch hohe Investitionskosten zu Beginn vermieden werden sollten. Darüber hinaus führte die Genossenschaft Gespräche mit zahlreichen Unternehmen über weitere Transportleistungen und plante zusätzliche Güterverbindungen, unter anderem für den Holztransport. Aufgrund der sich verschlechternden wirtschaftlichen Lage musste der gesamte Güterverkehr jedoch bereits im April 2023 wieder eingestellt werden.[17]
Das eigentliche Kernprojekt von Railcoop war jedoch die Wiederaufnahme einer direkten Personenzugverbindung zwischen Bordeaux und Lyon. Diese Relation war über Jahrzehnte Bestandteil des französischen Fernverkehrs gewesen, ehe sie schrittweise eingestellt wurde. Railcoop sah hierin ein Beispiel für die Vernachlässigung von Querverbindungen außerhalb des auf Paris ausgerichteten Netzes. Vorgesehen waren zunächst bis zu drei Zugpaare täglich, darunter auch ein Nachtzug. Die Strecke sollte unter anderem über Périgueux, Limoges, Guéret, Montluçon und Roanne führen und damit zahlreiche Mittelstädte miteinander verbinden, die bislang nur mit größeren Umwegen und Umsteigen erreichbar waren.[18] Zielgruppe waren sowohl Geschäftsreisende als auch Touristen und Bewohner der angeschlossenen Regionen. Die Genossenschaft ging davon aus, dass die Verbindung jährlich mehrere Hunderttausend Fahrgäste gewinnen könnte.[19]
Für den Betrieb plante Railcoop zunächst lokbespannte Reisezüge, entschied sich später jedoch für den Erwerb gebrauchter Dieseltriebwagen der Baureihe X 72500 von der SNCF. Die Fahrzeuge sollten technisch überholt und zugleich an die eigenen Anforderungen angepasst werden. Geplant waren unter anderem großzügige Gepäckbereiche, Fahrrad- und Sportgeräteabteile, ein Cateringangebot sowie familienfreundliche Bereiche. Langfristig zog die Genossenschaft auch modernere bi-modale Triebzüge in Betracht. Die Aufarbeitung der vorhandenen Fahrzeuge erwies sich allerdings als deutlich aufwendiger und kostspieliger als ursprünglich angenommen. Umfangreiche technische Arbeiten sowie notwendige Modernisierungen erhöhten den Kapitalbedarf erheblich.[20]

Neben der Verbindung Bordeaux–Lyon entwickelte Railcoop weitere Konzepte für eigenwirtschaftliche Fernverkehrslinien. Öffentlich vorgestellt wurden unter anderem Verbindungen zwischen Toulouse und Rennes sowie zwischen Lyon und Thionville. Darüber hinaus genehmigte die französische Verkehrsregulierungsbehörde Ende 2021 weitere beantragte Strecken, darunter Lille–Nantes, Straßburg–Clermont-Ferrand, Massy–Brest, Saint-Étienne–Thionville, Grenoble–Thionville sowie Le Croisic–Basel. Diese Projekte unterstrichen den Anspruch der Genossenschaft, ein Netz neuer Direktverbindungen jenseits der klassischen Hochgeschwindigkeitsachsen aufzubauen. Keines dieser Vorhaben konnte jedoch verwirklicht werden.
Für die Verbindung war zunächst ein umfangreicher Fahrplan mit drei täglichen Zugpaaren vorgesehen, darunter ein Nachtzug. Die geplante Strecke sollte unter anderem über Périgueux, Limoges, Guéret, Montluçon und Roanne führen und damit mehrere Mittelstädte direkt miteinander verbinden. Railcoop plante eine Fahrzeit von weniger als sieben Stunden zwischen Bordeaux und Lyon.
Die Umsetzung erwies sich jedoch als schwierig. Railcoop beantragte bei SNCF Réseau die erforderlichen Fahrplantrassen, erhielt zunächst aber nur einen Teil der gewünschten Trassen. Einige der beantragten Zeitfenster überschnitten sich mit bereits bestehenden Regionalverkehrsleistungen. Zudem entstanden zusätzliche Kosten, weil für die geplanten Fahrten teilweise Infrastruktur und Stellwerke wieder genutzt werden mussten. Neben diesen betrieblichen Problemen fehlten Railcoop zunehmend die finanziellen Mittel für die Beschaffung und Aufarbeitung der vorgesehenen Fahrzeuge. Der ursprünglich für 2022 geplante Betriebsbeginn wurde deshalb mehrfach verschoben. Anfang 2023 wurde schließlich ein deutlich reduziertes Betriebskonzept mit lediglich einem Hin- und Rücklauf innerhalb von zwei Tagen für den Sommer 2024 erwogen. Auch dieses Vorhaben konnte nicht verwirklicht werden.[9]
Bereits während der Vorbereitungen zeigte sich, dass die Finanzierung des ambitionierten Vorhabens schwieriger war als erwartet. Mehrfach musste der geplante Betriebsbeginn der Verbindung Bordeaux–Lyon verschoben werden. Neben Verzögerungen bei der Kapitalbeschaffung spielten auch Schwierigkeiten bei der Zuweisung geeigneter Fahrplantrassen durch den Infrastrukturbetreiber SNCF Réseau eine Rolle. Hinzu kamen steigende Kosten für die Fahrzeugaufarbeitung sowie Investitionen in Bahnhöfe und Betriebseinrichtungen. Während ursprünglich mehrere tägliche Zugpaare vorgesehen waren, reduzierte Railcoop seine Planungen Anfang 2023 auf einen stark eingeschränkten Betrieb mit lediglich einem Hin- und Rückfahrtpaar innerhalb von zwei Tagen. Selbst für dieses abgespeckte Konzept fehlten jedoch weiterhin erhebliche Finanzmittel.[9]
Die wirtschaftliche Situation verschlechterte sich im Laufe des Jahres 2023 zunehmend. Nach mehreren Verlustjahren stellte die Genossenschaft den Güterverkehr ein und leitete umfangreiche organisatorische Veränderungen ein.[20] Parallel wurden neue Investoren gesucht und zusätzliche Bürgerkapital-Kampagnen gestartet. Auch Gespräche mit einem spanischen Investmentfonds Serena Industrial Partners über eine Beteiligung am Projekt Bordeaux–Lyon verliefen zunächst vielversprechend, führten letztlich jedoch nicht zu einer nachhaltigen Finanzierung.[21][22] Im Oktober 2023 wurde Railcoop unter gerichtliche Sanierungsaufsicht gestellt, eine Art Schutzschirmverfahren. Trotz weiterer Sparmaßnahmen, der Verkleinerung des Unternehmens und des geplanten Verkaufs der bereits beschafften Triebwagen gelang es nicht, die Zahlungsfähigkeit dauerhaft wiederherzustellen. Am 29. April 2024 ordnete das Handelsgericht von Cahors schließlich die Liquidation der Genossenschaft an. Damit endete eines der ambitioniertesten Eisenbahnprojekte der französischen Marktöffnung, ohne dass jemals ein planmäßiger Personenzug von Railcoop den Betrieb aufgenommen hatte.
Bedeutung und Einordnung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Railcoop nahm innerhalb des französischen Eisenbahnwesens eine Sonderstellung ein. Während andere neue Eisenbahnverkehrsunternehmen überwiegend privatwirtschaftlich organisiert waren oder zu größeren Konzernen gehörten, setzte die Genossenschaft auf ein kooperatives Modell mit breiter gesellschaftlicher Beteiligung. Privatpersonen, Kommunen, Unternehmen und öffentliche Einrichtungen konnten Genossenschaftsanteile erwerben und damit sowohl Kapital bereitstellen als auch an der Entwicklung des Unternehmens mitwirken. Dieses Modell sollte zeigen, dass Eisenbahnverkehr nicht ausschließlich staatlich oder gewinnorientiert organisiert werden muss, sondern auch als gemeinschaftlich getragenes Infrastrukturprojekt funktionieren kann. Bis 2024 beteiligten sich rund 14.000 Mitglieder an der Genossenschaft; sie stellten Eigenmittel in Millionenhöhe zur Verfügung, wobei auch zahlreiche Gebietskörperschaften zu den Anteilseignern gehörten.
Ein wesentlicher Bestandteil des Selbstverständnisses von Railcoop war die Förderung einer nachhaltigen Mobilität. Die Genossenschaft argumentierte, dass das französische Eisenbahnnetz außerhalb der Hochgeschwindigkeitsstrecken vielfach nur unzureichend genutzt werde, obwohl ein großer Teil der Bevölkerung in der Nähe eines Bahnhofs lebe. Gleichzeitig werde ein erheblicher Anteil des Personen- und Güterverkehrs weiterhin über die Straße abgewickelt. Railcoop sah deshalb insbesondere in regionalen und interregionalen Direktverbindungen ein Potenzial, Verkehr auf die Schiene zu verlagern und damit einen Beitrag zur Verringerung von Treibhausgasemissionen sowie zur Stärkung strukturschwächerer Regionen zu leisten. Ebenso sollte der vergleichsweise geringe Anteil des Schienengüterverkehrs in Frankreich durch neue Angebote erhöht werden.
Das Unternehmen profitierte zunächst von den politischen und rechtlichen Veränderungen infolge der Liberalisierung des französischen Eisenbahnmarktes. Die Öffnung für konkurrierende Verkehrsunternehmen ermöglichte erstmals den eigenwirtschaftlichen Betrieb neuer Fernverkehrsangebote außerhalb der SNCF. Gleichzeitig zeigte das Beispiel Railcoop jedoch, dass die Marktöffnung allein keine wirtschaftlich tragfähigen Angebote garantiert. Neue Betreiber mussten nicht nur erhebliche finanzielle Mittel für Fahrzeuge, Personal und Organisation aufbringen, sondern waren zugleich auf die Verfügbarkeit geeigneter Fahrplantrassen sowie auf umfangreiche Genehmigungs- und Sicherheitsverfahren angewiesen. Darüber hinaus erwiesen sich die Modernisierung älterer Fahrzeuge und der Aufbau einer vollständigen Betriebsorganisation als kostenintensiver als ursprünglich erwartet.
Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Genossenschaft waren daher das Ergebnis mehrerer zusammenwirkender Faktoren. Trotz erfolgreicher Bürgerbeteiligungen und der Unterstützung durch einzelne Regionen gelang es nicht, genügend Kapital für die vollständige Umsetzung der geplanten Personenverkehrsangebote bereitzustellen. Wiederholte Terminverschiebungen führten dazu, dass geplante Einnahmen ausblieben, während gleichzeitig Personal-, Verwaltungs- und Entwicklungskosten weiter anfielen. Auch der zunächst aufgenommene Güterverkehr konnte die finanzielle Basis des Unternehmens nicht dauerhaft sichern. Die gerichtliche Sanierung im Oktober 2023 und die anschließende Liquidation im April 2024 markierten schließlich das Ende des Projekts.
Unabhängig von seinem wirtschaftlichen Scheitern gilt Railcoop als eines der bemerkenswertesten Experimente der französischen Eisenbahnliberalisierung. Die Genossenschaft verband verkehrspolitische Ziele mit Prinzipien der Sozial- und Solidarwirtschaft und machte auf die Bedeutung interregionaler Direktverbindungen aufmerksam, die im bestehenden Netz vielfach entfallen waren. Auch wenn keiner der geplanten Personenzüge den regulären Betrieb aufnehmen konnte, beeinflusste Railcoop die öffentliche Diskussion über die Zukunft des französischen Schienenverkehrs. Das Projekt verdeutlichte sowohl die Chancen neuer Organisationsformen als auch die erheblichen finanziellen, organisatorischen und regulatorischen Herausforderungen, mit denen neue Eisenbahnverkehrsunternehmen beim Markteintritt konfrontiert sind.[23]
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Railcoop (ehemalige Unternehmenswebsite) vom 8. Februar 2026; nur noch über das Internet Archive aufrufbar
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Projet en coopération – Railcoop, première coopérative ferroviaire en France. La Fonda, März 2021.
- ↑ Railcoop: une coopérative oui… mais libérale !. Cheminots CGT, 17. März 2021.
- ↑ Lou-Eve Popper: Railcoop au bord de la faillite: les coulisses d’un déraillement. 27. Juli 2023.
- ↑ Le marché Français du transport ferroviaire de voyageurs. autorite-transports.fr Expertise 2018, September 2019, ISSN 2678-6575, Teil 1, S. 18.
- ↑ Sofia Colla: Les Licoornes, ces nouvelles coopératives qui défient le capitalisme. Wedemand, 26. Oktober 2021.
- ↑ Boris Chiron: L’introduction du modèle coopératif sur un marché concurrentiel: l’exemple de Railcoop sur le marché ferroviaire. Masterarbeit an der Science Politique de l’Europe Nantes Université, Memoire online, 2022.
- ↑ M. Marcy: Cajarc. Les ambitions de Railcoop, la société coopérative ferroviaire née dans le Lot. La Dépêche du Midi, 24. Mai 2020.
- ↑ Avec Railcoop, des citoyens du Lot veulent remettre des trains sur les rails. Actu, 6. Dezember 2019.
- 1 2 3 4 Samuel Clauzier: La liquidation judiciaire de Railcoop prononcée par le tribunal de commerce de Cahors. Rue89 Bordeaux, 3. Mai 2024.
- 1 2 Théo Nepipvoda: Liquidation de Railcoop : quelles leçons tirer pour le modèle- SAS Univercast, 29. April 2024.
- ↑ Projet Railcoop : les usines ACC M portent l’estocade. Collectif des Usagers des Transports du Haut-Allier, 27. März 2024.
- ↑ Annonce n° 3057. 46 – LOT. Tribunal de commerce de Cahors, Jugement prononçant. In: Bulletin officiel des Annonces Civiles et commercialesannexé au Journal Officiel de la République Française, 29. April 2024.
- ↑ Nicolas Debaisieux, président directeur général de Railcoop est notre invité - Suivez le live. Interview mit Nicolas Debaisieux, BFM Business auf Youtube (Französisch mit Transkript), 1. August 2023.
- ↑ Jérémie Anne: La derière séance de railcoop. Railpassion, 3. Juni 2024.
- ↑ Certificat de sécurité unique délivré à la société Railcoop. Établissement public de sécurité ferroviaire (EPSF), 9. November 2021.
- ↑ Transports: la coopérative Railcoop fait revivre des petites lignes. France2, 16. November 2021.
- ↑ La fin d’un train citoyen (Railcoop). 21. April 2024.
- ↑ Formulaire de notification d’un nouveau service de transport ferroviaire de voyageurs envisage. autorite-transports.fr, Notification SFLO2020-002, o. J.
- ↑ Train Lyon Bordeaux: guide complet 2026. Remitly, 24. Mai 2026.
- 1 2 La coopérative Railcoop lance la rénovation des trains destinés à la ligne voyageurs Bordeaux-Lyon. Le Rail, 16. Mai 2022.
- ↑ Nathan Chaize: Lyon-Bordeaux en train: le redressement judiciaire de la dernière chance pour Railcoop. Lyon capitale, 20. Oktober 2023.
- ↑ Train Lyon-Bordeaux: Railcoop a besoin d’une «rentrée d’argent urgente et immédiate» pour survivre. Le Figaro, 22. September 2023.
- ↑ Hervé Champin, Robin Foot: Climat : au train où vont les choses… Actes du Colloque International de ferinter. Paris, 14. & 15. März 2024, HAL (offenes Archiv), 1. Juli 2025.
