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Stab von Narsaq

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Illustration der vier Seiten des Stabs von Narsaq von der Runologin Lisbeth M. Imer

Der Stab von Narsaq ist ein Holzstab mit eingeritzten Runen, der in Narsaq, Grönland gefunden wurde. Er ist die älteste Runeninschrift Grönlands.

Der Stab wurde 1953 vom ehemaligen grönländischen Schafzuchtverwalter, K. N. Christensen, in Narsaq zufällig gefunden, als er in der 1935 von Aage Roussell entdeckten Ruine eines mittelalterlichen Hofs (17a) nach Erde für seinen Garten grub. Nach dem Krieg war der Denkmalschutzstatus der Ruine aufgehoben worden. Neben dem Stab fand er noch andere Artefakte, die er ans Dänische Nationalmuseum sandte. Im Jahr darauf führte der Archäologe Christen Leif Vebæk Ausgrabungen durch, wobei weitere Objekte gefunden wurden.[1]

Der Stab ist 42,6 cm × 3 cm groß und hat vier Seiten, auf denen jeweils Runen geritzt sind. Er besteht aus Kiefernholz mit einem Astknorren auf der dickeren Seite. Am entgegengesetzten Ende verjüngt sich der Stab und hat seit dem Ritzen der Runen einen Teil verloren, sodass die Inschrift an dieser Stelle unvollständig ist.[1]

Seite A zeigt zwei Sätze, von denen vor allem der erste schwierig zu lesen ist.

Transliteration:

A : o : sa : sa : sa : is : o sa : sat : bibrau : haitir : mar : su : is : sitr : o : blan⁎…

Altnordische Transkription:

á sá sá sá es á sá sat <bibrau> heitir mær sú es sitr á Blán[i]/Blán[um]

Deutsche Übersetzung:

In einer Wanne sah der, der in der Wanne saß; <bibrau> ist der Name der Magd, die sitzt auf dem/den Blauen.

Der erste Teil des Satzes stellt ein Wortspiel dar. Bereits Erik Moltke war sich 1961 bewusst, dass die Lesung mehrdeutig ist, er ging jedoch von der Lesung á sæ, sæ, sæ es ása sát „auf dem Meer, dem Meer, dem Meer ist der Asen Hinterhalt“.[1] 1975 schuf Helgi Guðmundsson eine Übersicht über sämtliche Lesungen der einzelnen Wörter:[2]

osasasaiso( )sasat
á „auf“ „Meer“
(Akk. Sg. von sær)
es „[er/sie/es] ist“
(3. Pers. Sg. Ind. Präs. von vesa „sein“)
ása „der Asen“
(Gen. Pl. von áss)
sát „Hinterhalt“
(Nom. Sg.)
„Wanne“
(Akk. Sg. von sár)
es „der, die, das“
(Relativpronomen)
ása „(der) Balken/Pfähle“
(Akk./Gen. Pl. von áss)
sátt/sætt „Vertrag, Vereinbarung“
(Nom. Sg.)
„[ich/er/sie/es] sah“
(1./3. Pers. Sg. Ind. Prät. von sjá „sehen“)
íss/ís „Eis“
(Nom./Akk. Sg.)
Ása
(Nom. Sg. eines Frauennamens, siehe Aase)
sátt „[du] sahst“
(2. Pers. Sg. Ind. Prät. von sjá „sehen“)
„[ich] sähe“
(1. Pers. Sg. Ind. Präs. von „sähen“)
á sæ „auf dem Meer/darauf sähe ich“
(siehe links)
sáat „[ich/er/sie/es] sah nicht“
( mit enklitischem -at „nicht“)
„dieser“
(Nom. Sg. m.)
á sá „in der Wanne/darauf sah ich/er/sie/es“
(siehe links)
sæat „[ich] sähe nicht“
( mit enklitischem -at „nicht“)
sat „[ich/er/sie/es] saß“
(1./3. Pers. Sg. Ind. Prät. von sitja „sitzen“)

Aus diesen Lesungen favorisierte Jón Helgason 1977 die oben angegebene,[3] die heute als die am meisten akzeptierte gilt. Hierbei ist ein Homonym für die Vergangenheitsform von sjá („sehen“), die Akkusativform von sár („Wanne“), aber auch die maskuline Nominativform des Demonstrativpronomens („dieser“).[4] Ólafur Halldórsson zog hingegen im Jahr 1979 die Lesung: á sæ sá sá es á sæ sáat „auf dem Meer sah der, der nicht auf dem Meer sah“ vor.[5] Marie Stoklund übersetzte Ólafur Halldórssons neuisländische Übersetzung unklarerweise mit on the sea that seemed to be, which (you) did not see on the sea ins Englische.[6]

Der zweite Teil ist weniger mehrdeutig und Erik Moltkes Übersetzung gilt als akzeptiert. Die Interpretation ist jedoch unklar. Der Name kann als Bifrau, Bifrey oder Bifró gelesen werden, aber keiner dieser Namen ist anderweitig belegt. Der erste Teil bif „beben“ entspricht wahrscheinlich dem ersten Teil von Bifröst. Mit auf dem/den Blauen ist vermutlich das Himmelsgewölbe gemeint. Erik Moltke interpretierte den Vers dahingehend, dass die Asen auf dem gefahrvollen Meer lauerten, aber dass <bibrau> – möglicherweise der mythologische Name für ein Sternbild – vom Himmel aus über einen wachte.[1] Ólafur Halldórsson schlug hingegen vor, dass das Wort als bifbrá gelesen werden sollte, ein ansonsten nicht belegtes Wort mit der Bedeutung „Luftspiegelung“ (wörtlich etwa Bebblinken).[6]

Die Bedeutung der Inschriften auf der Seite B ist unbekannt.[4]

B (i) | nn(l)i

Auf Seite C ist die Runenreihe Futhark geritzt, wobei die s-Rune verloren gegangen ist.[4]

C ...⁎ | ink | fuþorkhnia⁎tbml(ʀ)? | ʀ

Die Bedeutung der Inschriften auf der Seite D ist unbekannt.[4]

D ...aaal??? : ?????? : ??? : ?? : ??????aaaaa??? : ??? : ??? : ??? : ??? : ????(?)…

Der Stab wird sowohl auf Grundlage der archäologischen Fundlage als auch wegen sprachlicher Archaismen wie es statt jüngerem er auf etwa 985 bis 1025 datiert und ist somit die älteste Runeninschrift Grönlands und die erste Runeninschrift aus der Wikingerzeit. Erik Moltke beschreibt den Runenstab als wichtigsten Runenfund, da es von der Datierung her möglich sei, dass Erik der Rote selbst diese Runen geritzt habe.[1][4]

Einzelnachweise

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  1. 1 2 3 4 5 Erik Moltke: En grønlandsk runeindskrift fra Erik den rødes tid. Narssaq-pinden. In: Tidsskriftet Grønland. Nr. 1961/11, S. 401–410 (Online [PDF]).
  2. Helgi Guðmundsson: Rúnaristan frá Narssaq. In: Gripla. Band 1, 1977, S. 188–194 (Online).
  3. Jón Helgason: Á sá sá sá es á sá sat. In: Gripla. Band 2, 1977, S. 198–200 (Online).
  4. 1 2 3 4 5 Lisbeth Imer: Peasants and Prayers. The inscriptions of Norse Greenland (= Publications from the National Museum. Band 25). University Press of Southern Denmark, Odense 2017, ISBN 978-87-7602-345-4, S. 251 f.
  5. Ólafur Halldórsson: Góð er gáta þín. In: Gripla. Band 3, 1979, S. 230–233 (Online).
  6. 1 2 Marie Stoklund: Objects with runic inscriptions from Ø 17a. In: Christen Leif Vebæk (Hrsg.): Narsaq – a Norse landnáma farm (= Meddelelser om Grønland – Man & Society. Band 18). Kommission für Wissenschaftliche Untersuchungen in Grönland, Kopenhagen 1993, ISBN 978-87-635-1218-3, S. 47–52 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).