Beim kleinen Nachbarn Katar wiederum kommen auf 230.000 Einheimische momentan rund 1,6 Millionen Gastarbeiter. Bis zu Beginn der WM wird deren Zahl um eine weitere halbe Million wachsen. Von den 230.000 Katarern sind lediglich 45.000 Männer und 25.000 Frauen im Arbeitsleben aktiv. Sie steuern das Unternehmen Katar, politisch, wirtschaftlich und strategisch. Fast alle sind beim Staat beschäftigt, im September 2011, während des Arabischen Frühlings, gab es quer durch die Bank eine 60-Prozent-Gehaltserhöhung aus der Staatskasse. Katarische Lehrer bekommen jetzt ein Einstiegsgehalt von 9.000 Euro im Monat, ihre ägyptischen und sudanesischen Kollegen müssen mit einem Viertel davon auskommen.

Auch kann niemand hier eine Firma ohne katarischen Teilhaber aufmachen, der sich danach meist darauf beschränkt, die Hand aufzuhalten. Heiratet ein Katarer, kann er sich auf dem Katasteramt ein Baugrundstück aussuchen, die nötige Million für die neue Villa legt der Staat noch obendrauf. Strom, Wasser und Krankenversicherung sind lebenslang kostenlos. Nur das Tanken muss noch jeder selbst bezahlen.

Die Heerscharen ihrer Bediensteten dagegen haben viel bescheidenere Anliegen. Sie suchen Arbeit, bessere Löhne und einen Ausweg aus der Misere daheim. Die wenigsten ahnen, was sie am Golf erwartet. Denn jeder Neuankömmling braucht für sein Arbeitsvisum einen lokalen Sponsor, der nach einem dubiosen Bürgschaftssystem, Kafala genannt, allmächtig ist. Die meisten bekommen bei Ankunft ihren Pass abgenommen, sind jeder Willkür ausgeliefert und dürfen erst nach zwei Jahren ihre Familie daheim besuchen. "Der Arbeiter ist völlig an seinen Arbeitgeber gebunden. Er kann ihn nicht verlassen, egal, wie schlimm er behandelt wird", sagt Nicholas McGeehan von Human Rights Watch.

Wie eine Arbeitsmaschine reichen einheimische Unternehmer die Gastarbeiter nach Belieben an andere weiter – ohne deren Einverständnis einzuholen. Ein gesetzlicher Mindestlohn existiert ebenso wenig wie eine gesetzliche Krankenversicherungspflicht. Wer widerspricht, vorenthaltene Bezahlung nachfordert oder gar streikt, fliegt raus und muss die Heimreise antreten. Auch Kündigung, Wechsel des Arbeitgebers und Flucht aus dem Gastland sind praktisch unmöglich: Für das Ausreisevisum ist die Unterschrift des Sponsors nötig.

Das erfüllt nach den Maßstäben der Internationalen Arbeitsorganisation ILO den Tatbestand der Zwangsarbeit. Nach einer ILO-Studie aus dem Jahr 2012 mit dem Titel Getäuscht und gefangen – Menschenhandel im Mittleren Osten fristen schätzungsweise 600.000 Menschen ein Dasein als moderne Arbeitssklaven. Die Menschen würden "systematisch belogen hinsichtlich ihrer Arbeits- und Lebensbedingungen, oft existieren die versprochenen Arbeitsplätze auch gar nicht", heißt es.

Besonders skandalös ist der Umgang mit weiblichen Haushaltshilfen. Sie werden geschlagen, seelisch terrorisiert oder sexuell missbraucht, weshalb Länder wie die Philippinen, Nepal und Indonesien in den vergangenen beiden Jahren ihren Staatsbürgerinnen verboten, sich weiterhin von arabischen Staaten anwerben zu lassen. "Ich habe immer nur das zu essen bekommen, was die Herrschaften auf ihren Tellern übrig ließen", berichtete eine Philippinerin, die sich in Kuwait City in die Botschaft ihres Landes geflüchtet hatte. Als die Familie dann noch von ihr verlangte, um 3 Uhr früh die Fenster des Hauses zu putzen, entschloss sie sich zur Flucht. Nach Einschätzung des US-Außenministeriums ist die Misshandlung von Haushaltshilfen in Kuwait so verbreitet, dass dies den Tatbestand des Menschenhandels erfüllt.

Und so prangern Menschenrechtsorganisationen die Zustände an als moderne Sklaverei, Ausbeutung und Zwangsarbeit, ein Vorwurf, den diese Woche der Vorsitzende des katarischen Nationalkomitees für Menschenrechte, Ali al-Marri, energisch bestritt, auch wenn er zugab, dass es "einige Probleme" gebe.

Der Arbeitsminister Saleh al-Khulaifi versprach angesichts der internationalen Empörung, sein Land werde für die WM-Baustellen die Zahl der Arbeitskontrolleure von 150 auf 300 verdoppeln, eine Ankündigung, die Sharan Burrow, Generalsekretärin des Internationalen Gewerkschaftsbundes, "schwach und enttäuschend" nannte. "Diese Inspektoren haben schon jetzt keinerlei Effekt", kritisierte sie und forderte ein "sehr deutliches Signal" des Weltfußballverbands an die Adresse des Emirates. "Die Fifa darf nicht erlauben, dass die WM 2022 errichtet wird auf dem Fundament moderner Sklaverei. In Katar aber ist das die Realität von Hunderttausenden Arbeitsmigranten."